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Karlshorster Rennen aus der Sicht des Rumpelstilzchens

Der Journalist Adolf Stein schrieb zwischen 1920 und 1935 unter dem Pseudonym "Rumpelstilzchen" wöchentlich eine Glosse über das Berliner Zeitgeschehen. Die Texte erschienen in mehreren Zeitungen des ganzen Deutschen Reiches und wurden jeweils am Jahresende in Buchform herausgegeben. So erfreuten sie sich außerordentlicher Popularität.

Der folgende Text ist vom 31. Mai 1923 und entstammt dem Jahresband "Un det jloobste?".

"Der Wuhlheide bei Berlin mit dem Rennplatz Karlshorst gehörte einst unser ganzes Herz. Gewiß, Baden-Baden war im August vielleicht schöner, fashionabler. In Harzburg und Kreuznach und den übrigen kleinen Galoppnestern war es traulicher und ganz gedrängelos. Im Hamburg erfreute man sich an dem gesättigten Reichtum und man fieberte um das Derby. Und dann noch die vielen anderen Rennplätze, die man in seinem Leben gesehen hat, von Petersburg bis Trouville, von Ascot bis Kairo! Hundert nette Erinnerungen tauchen auf: Pferde, Reiter, Frauen. Aber das Herz schlägt doch am stärksten bei dem Gedanken an Karlshorst und seine alljährliche "Große Armee" in den glücklichen Jahren um 1910, nach Hoppegarten und vor Grunewald. Dieses schwere Jagdreiten über große Entfernung sah unsere Besten aus allen deutschen Kavallerieregimentern im Sattel. Alles, was zur Gesellschaft gehörte, gab sich dazu ein Stelldichein. Niemand war so populär wie der Sieger, der, umjubelt von den Massen, zur Wage zurückkehrte, um dann aus den Händen seines obersten Kriegsherrn oder des Kronprinzen den Ehrenpreis in Empfang zu nehmen. Da lag eitel Sonnenschein auf den Gesichtern von Tausenden; und wenn man gar die Kronprinzessin Cecilie eräugte, von der selbst ein so alter Hagestolz wie der Graf Haeseler mir einmal gesagt hat, sie sei in hundert Jahren wieder die erste vollendet kluge wirkliche Dame in der sonst so hausbackenen Hohenzollernwelt, dann strahlt man erst recht. Diesmal hat die hohe Regierung - wohl die preußisch-freistaatliche, denke ich - es gestattet, daß das berühmte Rennen wieder wie in alten Zeiten in Uniform geritten wird, und da hält mich nichts mehr, da muß ich wieder einmal hinaus in das liebe alte Karlshorst und wandere von der Bahnstation ab die schönen Parkwege zur ersten Trinüne.

Nach zwei Jockeyreiten die Große Armee. Ein Feldgrauer, zwei Totenkopfhusaren, zwei Leibgardehusaren, ein 3. Garde-Ulan, ein 8. Husar galoppieren zum Start. Den größten Teil der Hindernisse nehmen sie geschlossen wie in Eskadronsfront. Dann zum Schluß in der Geraden ein harter schöner Kampf. Nun kehren sie zurück, – durch eine fast teilnahmslose glotzende Menge, aus der kein Zuruf erschallt, kein Hut sich grüßend erhebt...

Jedermann ist mit der Frage beschäftigt: "Wievielfaches Geld gibts am Toto?" Geld, Geld, Geld. Der Mann, der Reiter, gilt nichts mehr, er ist nur die Kugel im Roulette. Verstört mustert man nun seine Umgebung auf den besten, den Logeplätzen, und man greift sich an den Kopf. Von der guten alten Gesellschaft auch keine Spur mehr, ihre letzten Reste sitzen verschüchtert, weil man doch nun mal für den ganzen Betrieb verantwortlich ist, in dem Pavillon des Unionklubs drüben, aber hier auf der Tribüne sind nicht einmal Neureichs zu finden, sondern nur der Berliner Destillentyp: gemauerter Schlips, mitunter sogar nur Sweater, und Interesse lediglich und ausschließlich für Ziffern. Schon beim Rennen zuvor ist mir eine dicke Frau mit Ackerstraßen-Physiognomie aufgefallen, die ihren Mann anpfeift:
"Siehste, wennste un de hättst den Faffori jenomm, denn hättste det scheene Jeld nich valoren!"

Den Faffori. Sie meint den Favoriten. Alles dreht sich ja nur noch um die Frage "Favorit oder Außenseiter?", der Rennplatz ist vollkommen zur Börse der kleinen Leute geworden, ist von jeder Sportfreude und von jeder heiteren Eleganz entkleidet, unterscheidet sich kaum mehr von einem kleinen Schieberkaffee im Berliner Norden, in dem tagtäglich alles gehandelt wird. Entgeistert wandern ein paar Herren und Damen der Berliner Ausländerkolonien durch die quirlende Menge und suchen vergebens das alte Deutschland von Karlshorst. Es ist nicht da.

Aber es wird wiederkommen. So wahr das deutsche Volk unter allen Nationen der Erde immer die stärkste Kraft der Wiedergeburt offenbarte: es ersteht einst von neuem.

Wer jetzt behauptet, Berlin sei gegen früher nicht mehr wiederzuerkennen, der hat also gewiß Recht. Aber nicht alles ist verschwunden, was an die Zeit vor 1914 erinnern könnte. So beispielsweise nicht die serienweise auftretenden Dachstuhlbrände. Diese Spezialität ist uns geblieben, während andere, so Eisbein mit Sauerkraut und Quetschkartoffeln oder kühle Blonde mit Strippe, kaum mehr vorhanden sind. In letzter Zeit flackerte es bald hier, bald da auf, und enormer Schaden traf Hauseigentümer und Mieter, die ja heute allesamt kaum mehr zu einem Zehntel des Papierwertes ihres Besitzes versichert sind. Zuletzt mußte das bekannte Hotel Continental, was von richtigen Berlinern einfach "Kontienen-Tal" ausgesprochen wird, daran glauben; so an die 100 Millionen Mark sind flöten gegangen. Ältere Berliner erinnern sich, daß das Hotel um 1890 herum schon einmal das gleiche Schicksal hatte und daß damals der junge Kaiser selbst auf der Brandstätte erschien und, wie das so seine Art war, die Leitung der Löscharbeiten in die Hand nahm. Natürlich war er nicht gelernter Feuerwehrmann. Immerhin Offizier mit praktischem Blick und vor allem - ein "Anfeuerer" sondergleichen, wen man dieses nicht ganz passende Bild hier gebrauchen darf. Alles strengte sich doppelt an, wo sein Auge hintraf. So war es auf vielen Gebieten, wo er sozusagen das Letzte aus uns herausholte. Das ist persönliches Regiment. Das kann eine parlamentarisch-republikanische Regierung nicht; unter ihr ist der Eigennutz aller Volksgenossen immer größer als das Bestreben, sich für das Vaterland hervorzutun.

Unter dem Fehlen des höfisch-gesellschaftlichen Mittelpunktes leiden trrotz der großen Mühe, die Herr Fritz Ebert sich in repräsentativen Dingen gibt, fast alle Berliner Veranstaltungen. Trotz aller Liebenswürdigkeit, die man ihnen entgegenbrachte, haben das auch die vielen Sänger empfunden, die von der Ruhr und vom Rhein, aus Österreich und Holland in den letzten Wochen zu uns gekommen sind. Nun liegt die große Berliner Sport-Werbewoche hinter uns, die unter dem hohen Patronat des Oberbürgermeisters stand, des skeptischen alten Korpsstudenten Böß, dem ein starres Grinsen die Züge furcht, wenn vom "Nationalen" die Rede ist. Er muß ja mit seinen Roten leben und auskommen. Aber wenn Böß, der gefesselte König von vier Millionen Großberlinern, auch mit Salomo die Resignation teilt, alles sei eitel, so will er doch etwas für Mit- und Nachwelt getan haben und wirbt also für seine Stiftung zu Gunsten - neuer städtischer Sportplätze. Man "ertüchtigt" also. Man züchtet Muskelmenschen mit weiter Lunge und starkem Herzen. Man glaubt, daß damit vielleicht auch die kranke Seele genese und vor allem der verstörte Sinn der Deutschen. Auf Unmittelbares richtet sich die Bewegung nicht. Sie umfaßt alle Stände, alle Parteien, sie vermeidet ängstlich jedes Wort, das "national" gedeutet werden könnte, sie spricht nicht von der großen vaterländischen Not. Sie ist also nicht etwa mit Friedrich Ludwig Jahns Bewegung in napoleonischer Zeit zu vergleichen. Aber selbst über die hat ja Treitschke gespottet, daß sie vermeinte, mit einem Bauchaufschwung oder einer Riesenwelle die Franzosen zu vertreiben. Sport ist gut, Sport ist gesund, Sport ist notwendig, aber unsere großen Kriege haben wir nicht mit Sport, sondern mit Disziplin gewonnen; und augenblicklich sind wir das undisziplinierteste, ehrfurchtsloseste unter allen europäischen Völkern. Sport treiben heute sogar schon Kommunisten. Im übrigen ist die Werbewoche verregnet und auch an den schönen Tagen nicht mehr Volkssache gewesen, als sonst. Zuschauer waren im Wesentlichen die Mitglieder der Vereine, die irgend eine Mannschaft oder einen Einzelnen teilnehmen ließen.

Laufen, Springen, Turnen, Schwimmen, Rudern, Ringen, Boxen war das herkömmliche, neu aber für sehr viele Leute das Jiu-Jitsu, die sogenannte japanische Art der Selbstverteidigung. die zuerst unter freiem Himmel im Lustgarten – auch von einer durch einen "Strolch" überfallenen Dame – und dann im Sportpalast im Boxerring von Meister Rahn gezeigt wurde, gegen den ein anderer Jiu-Jitsu-Mann, dieser mit tätowierter Brust, also ein dufter Junge, anging. Für den Laien ist die einfachste Erklärung, daß man sagt: hier ist alles erlaubt und sogar höchste Kunst, was beim Ringen streng verboten ist. Vor allem Beinstellen. Oder Unterlaufen. Oder, wenn man im Knäuel vereint auf dem Boden liegt, das Drosseln, Fingerbrechen, Fußabdrehen, Armausrenken, der Stoß mit Daumen und Zeigefinger in die Augen. In der Arena, variétémäßig, werden natürlich die ganz bösen Sachen nicht gemacht. Es gibt genug harmlosere Arten der Selbstverteidigung. Man packt etwa den Gegner an der Brust, reißt ihn zu sich herüber, indem man ihn gleichzeitig mit einem Fuß vor die Knie stößt, und wirft ihn im Fallen seitwärts um, so daß man auf ihn zu liegen kommt. Oder wenn man von hinten um den Leib gefaßt wird, bückt man sich, greift durch die gespreizten eigenen Beine nach hinten packt den Gegner an den Beinen und entzieht ihm diese Pedale. Das sieht sich sehr abwecklungsreich und unterhaltsam an.

Immerhin, immerhin, ich habe da so meine bösen Träume. Im Traum lernte ich Jiu-Jitsu, während ich bisher mehr für das schnelle Schießen mit der Pistole war. Im Traum überfiel mich dann ein Räuber. Meine Uhr, meinen Füllfederhalter, mein Papiergeld, meinen harten Taler von 1913, meine fünf dicken Zigarren und die vielen empfindsamen Briefe in meiner Brusttasche kriegte er trotz allem. Der Kerl – konnte nämlich auch Jiu-Jitsu...

Wenn man vor der Überschätzung des "völkerverbindenden" (wer lacht da?) Sportes warnt, so kann man trotzdem seine helle Freude an diesem wahrhaft hellenischen Getümmel unserer Tage haben. Wer früher etwa nur die ungeschlachtesten Drei-Zentner-Männer in irgend einem Zeltzirkus ringen und endlich "die Brücke durchdrücken" sah, der ahnt nicht den ästhetischen Genuß, den der Beschauer von dem Ringkampf frischer Jünglingsleiber hat, sofern es dabei fair und nach allen Regeln der Kunst zugeht. Dann versteht man auch endlich die Zwiegespräche Lukians über athenischen und spartanischen Sport mit seinem skytischen Besucher, die man als Oberprimaner einst nur griechisch-grammatikalisch begriffen hat.

Und doch gibt es noch schöneres, unendlich viel schöneres, nur wird es einem nicht in jedem Jahrhundert einmal geboten: das ist die in Tanz aufgelöste Musik, wenn sie Seele und Körper eines elbischen Wesens durchtränkt hat. Wir haben dieses lichte Wunder vor uns, wir sehen das Unbegreifliche Ereignis werden. Niddy Impekoven ist wieder da. Niddy Impekoven. Ich kenne arme Idealisten, die trotzdem die 40 000 Mark für einen Platz im ersten Parkett des Deutschen Theaters hergaben, um diesen Anblick nah, ganz nah zu haben, um nicht auf das Glas angewiesen zu sein, um sich im Atembereich dieses Kindes aus Poesieland einmal am Himmlischen sattzutrinken. Niddy Impekoven tanzt selten. Alle paar Monate einmal oder zweimal: in Deutschland oder in der Schweiz. Der Trancezustand, das Erdentrücktsein, die völlige Hingabe an die Musik mit allen Fibern, das läßt sich nicht tournéemäßig aufziehen, dazu ist die nachfolgende Erschöpfung zu groß. Niddy Impekoven – man möchte eigentlich ungläubig dazu lächeln – hat geheiratet. Der kleine Kobold einen baumlangen Menschen. Er ist (Gott sei Dank, muß man sagen) Arzt. Arbeitet am Robert-Koch-Institut in Berlin, ist im übrigen selbstverständlich auch ein durch und durch musikalischer Mensch und offenbar vom Schöpfer dazu ausersehen, sorgsamer Gärtner dieser Wunderblume zu sein. Er hat einen Gerhart-Hauptmann-Kopf und große treue Hände; er kann dieses Geschöpfchen, seine junge Frau, buchstäblich auf den Händen tragen, braucht wohl kaum ganze zwei Hände dazu. Ich sitze den beiden in ihrem Berliner Heim gegenüber. Niddy Impekoven hat das umschattete märchentiefe Auge, wie Lenbach es im Bilde seiner kleinen Tochter Marion gemalt hat. Sie ist keine Tänzerin, was man so Tänzerin nennt. Sie ist eine Besessene. Alle Sphärenmusik von Ewigkeit her hat von ihr Besitz genommen. Aller Glaube, alle Güte, alle Hoffnung der Welt jubelt durch sie, und sie ist Bildhauer und Ton zugleich. Nun hat Johann Sebastian Bach sie ganz gefangen. Wie das allmählich gekommen ist, wie sie innerlich und innig reift, das erzählt mir der Mann, während sie gerade mit der Mutter im Nebenzimmer hantiert. Nun huscht sie wieder herein. Nun klagt sie über ihr Schicksal: daß man unerhörte Preise nehme, wo sie am liebsten um Gotteslohn den Menschen ihr alles gäbe. Wer könne denn noch ins Theater gehen, wo 40 000 Mark für einen Platz verlangt würden?

Ich kann sie beruhigen. Ich habe an dem Abend kaum einen Menschen gesehen, der "für sein" Geld sich die Niddy Impekoven vortanzen ließ, weil Niddy Impekoven die große Mode ist, sondern nur beseligte Leute. Credo, Gloria, Jubilate. Und Schumanns Aveu. Und dann, entzückend schalkhaft: Bachs Marche, Humperdincks Was Ihr wollt, Englert Münchener Kaffeewärmer. Wir werden vielleicht, leider, immer weniger Schelmisches von ihr sehen, statt dessen immer mehr Tiefes, Geheimnisvolles. Hie und da einen wehen Ton. Aber nie einen unreinen Ton. Ich bin ein Feind aller Superlative. Ich gestehe auch gern, daß hier meine Worte versagen. Aber eines kann man mit Freuden erklären: daß kein Volk der Erde bisher eine solche Künderin und Gestalterin göttlicher Harmonien hervorgebracht hat.

Ein hartes Erwachen, wenn man wieder in unsere Welt hinaus tritt. Überall nicht mehr Musik, sondern unholder Lärm. Berlin hat so viel zu tun, um überall Kronen und Adler und sonstige Symbole der alten Zeit wegzumeißeln. Nur den alten marmornen Wilhelm I. in der Wandelhalle des Reichstags läßt man jetzt endlich doch in Ruhe. Die Wegschaffung – die Wegschaffung allein – würde heute 62 Millionen Mark kosten. Aber überall in den neudeutschen Amtszimmern ist der Schmuck wenigstens zeitgemäß geworden. Zufällig bin ich einmal zu einem Ministerialrat verschlagen, der die rechte Hand des Staatssekretärs Hirsch im Wirtschaftsministerium ist. Da hat sich der neue Geist schon ganz heimisch gemacht. Ich mustere die Bilder. An der einen Wand: die Karrikatur von Amtsrichter und Staatsanwalt alten Systems. An der zweiten Wand: der Siegeszug der Arbeiter. An der dritten Wand: Samuels Berufung."



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